106. Abend: Bericht





„A Merchant of Dreams“
Christian Bernhard Tauchnitz (1816-1895) und die Tauchnitz Edition

Am 106. Abend wurden die englischsprachigen Bücher vom Leipziger Verleger und „Händler mit Träumen“, Christian Bernhard Tauchnitz, vorgestellt. Nach einer verlegerischen und buchhändlerischen Ausbildung bei seinem Onkel Karl Tauchnitz gründete der junge Bernhard Tauchnitz 1837 einen eigenen Verlag. Selbst ein glühender Liebhaber der englischen Kultur, führte er 1841 die „Tauchnitz Edition“ unter dem Reihentitel „Collection of British Authors“ ein (die 1914 erfolgte Ergänzung des Reihentitels auf „Collection of British and American Authors“ trug einer längst vollzogenen Inklusion amerikanischer Autoren Rechnung).
Tauchnitz war nicht der erste deutsche Verleger, der sich auf diesem Gebiet versuchte. Aber seine Reihe war die langlebigste und erfolgreichste ihrer Art, mit über 5000 einzelnen Titel in den 114 Jahren ihres Bestehens (1841-1955).


Dieser Erfolg war einerseits Tauchnitz eigener Begeisterung und seinem intensiven Engagement für das Projekt zu verdanken. Auch der günstige Verkaufspreis trug zum Erfolg bei – die ersten Bücher der Edition waren für einen halben Thaler zu haben, nur die Hälfte dessen, was andere deutsche Verlage für ihre englischsprachigen Bücher verlangten und auch weit günstiger als importierte englische Ausgaben. Eine weitere Besonderheit war die Tatsache, dass Tauchnitz sich früh um die Regelung der Autorenrechte kümmerte, und zwar als Vorreiter überhaupt. Bis dato war es übliche Verlagspraxis gewesen, die Werke ausländischer Autoren ohne jede Absprache und ohne Bezahlung zu veröffentlichen. 1843 besuchte Tauchnitz Londoner Verlage und setzte ein Formular für Abkommen mit englischen Autoren auf, das einen Preis für die kontinentaleuropäischen Rechte an englischsprachigen Ausgaben festlegte. Diese Regelung gab ihm nicht nur rechtliche Sicherheit, sondern führte dazu, dass er über Jahre hinweg vertrauensvoll mit führenden Schriftstellern der Zeit zusammenarbeitete und englische Neuerscheinungen zeitgleich oder sogar kurz vor der Veröffentlichung im Vereinigten Königreich in der Leipziger Reihe herausbringen konnte. 
 

  
Ein weiterer Grund für den langjährigen Erfolg der Reihe – und ihre Attraktivität als Sammelobjekt heute – waren ihr handliches Format (etwa 16x11,5cm), der überwiegend gute Druck und die handwerklich und künstlerisch attraktive Gestaltung von Tauchnitz Verlagseinbänden. Die im 19. Jahrhundert allgemein übliche Praxis, Bücher in einem Papierumschlag zu verkaufen, der später vom Besitzer durch einen Privateinband ersetzt wurde, führte bei Tauchnitz auch dazu, dass vor allem vor 1900 erschienenen Bücher in einer unendlichen gestalterischen Vielfalt erhalten sind.

Inhaltlich spiegelt die Tauchnitz Edition die ganze Bandbreite einer für die englischsprachige Literatur äußerst produktiven und erfolgreichen Ära wider. Höhepunkte literarischen Schaffens wie die Werke von Jane Austen, den Brontës, Dickens, Shaw und Wilde und moderne Literatur von Avantgardisten wie James Joyce oder Virginia Woolf stehen neben heute beinah vergessenen aber noch lesenswerten Schriftstellern wie Charlotte Yonge oder Unterhaltungsliteratur von Autoren wie Ouida oder Bret Harte. 
 Edel Sheridan-Quantz